Der Test

Ich bin nicht so vermessen, dass ich glaube, mit meinem kleinen Self-Publishing-Projekt jemals in die Buchläden zu kommen – geschweige denn auf den Tisch und nicht ins Regal.
Aber da es ja immer heißt, man soll seinem Buch ein Cover geben, das mit Profi-Covern mithalten kann…
Das hier ist der Härtetest (also, einer der vielen, die Cover und Buch noch bestehen werden müssen) mit dem derzeitigen Entwurf.

Fällt es raus?
Irgendwie schon, oder? Und nicht nur, weil mir nicht hundertprozentig gelungen ist, die Lichtfarbe anzupassen.
Oder doch nicht?
Ich bin leider etwas betriebsblind…

 

Ich bin da sehr entschlossen

 

Vielen herzlichen Dank an alle, die bei der Cover-Umfrage mitgemacht haben. Ich habe natürlich jegliches Feedback gern gelesen und werde diese Rohfassung noch ein bisschen weiter drehen und kneten, bis sie wirklich hundertprozentig ist.

Ebenso wie den Text.

Texte benehmen sich ein bisschen wie Leute. Jeder hat so seine speziellen Macken.
Ich zum Beispiel räume beim Telefonieren die Spülmaschine aus. Keine Ahnung, wieso. Wenn da nichts auszuräumen ist, renne ich wie ein Tiger im Käfig durch mein Büro, immer hin und her.

Meine Texte sind ähnlich eigenwillig.
Einen Text habe ich mal geschrieben, da geschah alles in Sekundenbruchteilen. Manchmal auch in Bruchteilen von Sekunden. Nichts war jemals einfach nur schnell.

In einem anderen Text haben die Leute in jedem zweiten Satz geseufzt.
“Ich würde es gern glauben.” Ihr Vater seufzte.
Elisabeth hätte ihn gern angeschrien. Statt dessen setzte sie sich seufzend auf die Sofakante.
Ihre Mutter seufzte.
(Naja, GANZ so war’s nicht. Aber FAST.) *seufz*

Und jetzt Leo.
Leo ist sehr entschlossen.
Sehr.
Als meine Kollegin, die jetzt die ersten 69 Seiten testgelesen hat, das erste Mal anmerkte: “So entschlossen kam sie mir gar nicht vor”, dachte ich mir noch nix. Beim zweiten Mal markierte sie es nur noch rot. Beim dritten, vierten und fünften Mal ebenfalls… Und beim zehnten. Und beim zwölften.
Ich werde das jetzt mal entschlossen ausmerzen.

Mein hübsches Baby

Donnerstag Abend, und ich bin mit 83 Seiten Rohfassung fast im Zeitplan. FAST.
Aber zwischendurch muss ich ja auch nochmal für Geld arbeiten oder durch die Republik fahren zur Verlagskonferenz, mit dem Hund rausgehen oder nachsehen, ob die Bienen wieder gefüttert werden müssen. Sowas ist auch wichtig.

Oder ich muss ein bisschen prokrastinieren und Cover basteln.
Das Schöne am Selfpublishing ist ja, dass das dann trotz Rumdödelei sinnvoll ist und das Gesamtprojekt weiterbringt. Ich habe also mit fast gutem Gewissen nicht nur zwischendurch ein halbes Stündchen Cover gebastelt, sondern eher so den Zeitgegenwert der 17 zum Wochensoll fehlenden Seiten.

Und, was soll ich sagen?
Ich bin mit dem Ergebnis zufrieden.
Nicht unbedingt mit den 75 Zwischenstufen, die mich dahin geführt haben, aber das macht ja nichts. Die hat bei meinen Verlagsbüchern ja auch niemand je zu Gesicht bekommen.
Und niemand hat die Gespräche gehört, die ich mit meinem Lektor dazu geführt habe. (“Ich will aber das Rosa im Text haben!”)
Analog dazu hat bei diesem Cover niemand die Diskussionen in meinem Büro mitbekommen. Jedes Mal, wenn ich mit einer neuen Idee ankam, kommentierten meine Kolleginnen mit einer Engelsgeduld: “Nee, echt, das kannst du so nicht machen!” — “Das sieht ja aus wie ein humorvolles Kinderbuch!” — “Hmm… erste Assoziation: Frauenroman ab 40.” — “Wird das ein Thriller?!”
Manchmal habe ich zu ihren Bemerkungen mit dem Fuß aufgestampft (“Ich will aber das Rosa!”), andere Male habe ich nur geseufzt und zugegeben, dass ich es selbst eigentlich auch nicht so ganz doll fand. Einmal hatte ich eins, das ich richtig super fand, konnte mir aber das Bild dazu nicht leisten.
Es war also ein langer Prozess bis hierhin.
(Zeige ich es euch jetzt? Das ist ein fieser Moment… Was tu ich, wenn Ihr gleich alle mit dem Finger zeigt und ruft: “Igitt, ist das ein hässliches Baby”?)

Voilà.
Leos Cover.
(Den kitschigen Kreis hab ich extra draufgemacht – ich konnte mich mit Mühe und Not abhalten, Herzchen über das ganze Bild zu streuen.)

cover_(c)juliadibbern_500-800
Ich hoffe so sehr, dass Ihr es auch mögt…
Aber seid bloß nicht höflich zu mir! Ehrlich bringt weiter.
Mögt Ihr mal zwei schnelle Klicks dazu machen?

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Kill your darlings

Heute ist der Tag, an dem ich meinen Lieblingen den Garaus mache, einem nach dem anderen.
“Kill your darlings” lautet eine wichtige Journalistenregel. Je mehr du an einer Satzkonstruktion hängst, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sie raus muss.
Bei Charakteren und Szenen ist das nicht so viel anders.

Möge das Gemetzel beginnen.

Schauplatz 1: Martina muss weg

Leos erste 50 Seiten sind geschrieben – Zeit, qualifiziertes Feedback einzuholen, damit ich mich nicht irgendwo festfahre, wo es vermeidbar gewesen wäre. Es geht nichts über erfahrene Kollegen.

Also steckte ich neulich den Kopf durch die Küchentür meines virtuellen Schreibbüros und fragte in die Runde: “Hat jemand von euch Lust, sich Leos Anfang mal anzugucken?”

Gestern Abend um viertel vor zehn wollte ich dann eigentlich ins Bett, als ich eine Nachricht bekam: “Ich bin halb durch.”
“Und?”, fragte ich und wischte mir die feuchten Hände an der Schlafanzughose ab.
“Hol dir was zu trinken.”
O… kay. Ich holte tief Luft. “So schlimm?”
Es war nicht schlimm, gar nicht. Es war nur ehrlich. “Ich werde immer verrückt, wenn alles für etwas total Geiles im Text steht und es fehlen nur ein paar Kleinigkeiten, die das zusammenfügen. Wenn man sich doch selbst lektorieren könnte!”
Total geil, las ich, und Kleinigkeiten. Ich ließ die Luft wieder raus.
Dann: “Diese Martina muss weg.”
“Wie jetzt? Die mag ich! Das ist doch sonst gemein für Leo, wenn die nicht mehr da ist! Und ich brauche sie auch, weil…”
Meine Kollegin lachte sich scheckig.
“Echt.” Ich stampfte beinahe mit dem Fuß auf. “Ich brauche die.”
Sie lachte noch mehr.
Und letztlich hatte sie Recht. Martina musste weg.
Und mit ihr musste ein ganzes prächtiges Haus abgerissen und durch einen schäbigen Schuppen ersetzt werden.
Und Leo musste … Das führt hier zu weit.

Jedenfalls hat die Geschichte durch unser kicherndes Gespräch gestern nochmal einen Zahn zugelegt, und ich freue mich sehr darauf, Martina zu tilgen. Und noch das eine oder andere mehr. “Lass dir mal alles durch den Kopf gehen”, meinte meine Kollegin. “Das war jetzt einmal brutal mit dem Mixer rein.”
Ich mag Mixer. Ich hab da auch kein bisschen verletzten Stolz. Leo soll die beste Geschichte werden, die ich schreiben kann.
10 Seiten weg.
So umbeirum.

Ich geh mal Messer wetzen, denn ich muss mich heute und in den nächsten Tagen nicht nur an Martina vergreifen.

Schauplatz 2: Der Flausch muss weg

Ich mag wundervolle, plüschrosa Flauschwolken.
Ich liebe plüschrosa Flauschwolken.

Für eine meiner Geschichten hatte ich zwei Enden geschrieben: ein krachendes taschentuchverlangendes Titanic-Ende und ein – hach – so schönes, gutes, liebes, buntes Ende, bei dem sich alle, die sich über 220 Seiten gehasst hatten, plötzlich vertrugen und … Gott, war das schön.
Ich mochte beide Enden. Sehr.
Es fiel mir schwer, das Titanic-Ende loszulassen.
Aber ich hatte ja noch das plüschrosa Flauschwolken-Hollywood-Ende.
Entsprechend war ich etwas bockig, als mir meine 14jährige Ex-Praktikantin-jetzt-Lieblingstestleserin mitteilte: “Du, das Ende ist ein bisschen sehr… naja…” Pffft, dachte ich. Ich mag das.
Als nächstes sagte eine testlesende Kollegin: “Du, das Ende… Das ist ein bisschen unglaubwürdig …” Ich biss die Zähne zusammen.
Dann kam das Feedback der freien Lektorin: “Super Buch. Hat mir sehr gut gefallen. Aber dieses Ende…”
OKAY, grummelte ich.
Ich habe es verstanden.
Hmpf. Wenn es ein Film wäre, würde sich kein Mensch an zu viel Plüsch stören.
Und überhaupt.

Ich schickte meiner Agentin das Buch mit dem so schönen Ende.
“Super Geschichte”, schrieb sie. “Gefällt mir sehr gut. Nur das Ende… Das ist ein bisschen zu Hollywood.”

Ich wetze also das Messer und schneide in den nächsten Tagen mit möglichst schnellen, präzisen Schnitten den Flausch weg.
20 Seiten weg, vermutlich um die 50 neu.
ich freue mich, dass ich noch ein bisschen mehr Zeit mit meinen Figuren verbringen darf, bevor sie flügge werden.

Und das entplüschte Ende, das mir gestern beim Spazierengehen einfiel, ist auch ziemlich gut – und fast nicht Hollywood. Fast.

 

Der Zeitplan

Im Verlag ist die Lektorin gleichzeitig die Produktmanagerin. Sie ist dafür verantwortlich, dass das Budget eingehalten wird und der Zeitplan. Sie steht dafür gerade, dass die Autoren rechtzeitig liefern und dass die Herstellung das Gelieferte rechtzeitig in eine hübsche Form gießt.

Hier ist das anders.
Hier bin ich meine Produktmanagerin. Die Lektorin kaufe ich von außen ein – und muss dann natürlich auch dafür sorgen, dass das Budget eingehalten wird. Und der Zeitplan. Und ich muss dafür sorgen, dass ich rechtzeitig meinen Text liefere.

Verlage planen lange, vorausschauend und klug. Im Verlag sähe der Zeitplan entsprechend ungefähr so aus: “Hmmm… Wir hätten da noch einen Programmplatz in Ihrem Genre im Frühjahr 2018. Manuskriptabgabe wäre dann im Mai 17.”

Ich versuche, auch klug zu planen, aber da ich jeden Programmplatz dieser Welt für mich habe, kann ich den Erscheinungstermin selbst festlegen und muss einfach nur überlegen, was einigermaßen realistisch ist.

Die wunderbare Vera Nentwich hat einen Blogpost darüber geschrieben, was nach dem Fertigstellen der Rohfassung noch alles an Arbeiten ansteht: Buchstart: Was zu tun ist.

Wie ich mich kenne, unterschätze ich diese Phase, weswegen vermutlich mein Ziel, Anfang Dezember mein neues Buch in den Händen zu halten nicht sehr realistisch ist. Ich werde es trotzdem anstreben.
Entweder ich schaffe Anfang Dezember – was Leo vielleicht zwei bis fünf Weihnachtseinkäufe bringt – oder ich habe als Erscheinungsdatum dann eine funkelnagelneue 2017 im Buch stehen. Ist beides nicht ganz schlecht.

Geh ich mal von Anfang Dezember aus.

Dann müsste Titel und Cover spätestens Anfang November stehen, damit die Werbung anlaufen kann. Die Leseprobe müsste auch fertig sein.

Anfang Oktober müsste es in die letzte Überarbeitungsrunde beim Lektorat, die Rohfassung müsste also Anfang September stehen. Das wäre in vier Wochen = nicht zu machen. Beim besten Willen nicht.

Realistisch ist: 300 Seiten Rohfassung in sechs Wochen. 50 Seiten pro Woche geht. Sportlich ist es, aber es geht.
Was bedeutet, die Rohfassung könnte Mitte September ins Lektorat (Unmittelbares To-do: Mail an meine Lektorin schreiben, ob das bei ihr einzurichten ist.)

Und dann muss ich eine gute und bezahlbare Coverdesignerin finden – oder selbst üben. Vermutlich aus Budgetgründen eher Letzteres. Nächtelang. Sachbuchcover kann ich, meine Romancoverentwürfe sind bisher noch nie zu meiner Zufriedenheit ausgefallen. Aber das wird schon.
Wenn ich so weit bin, frag ich einfach euch, welches ich nehmen soll. 😀
Auf jeden Fall bleibt das Ganze sportlich.
Wahrscheinlich schaffe ich dann doch das Frühjahrsprogramm 2018.

Ich hab Angst!

Nachdem ich vor – Schluck! – zwölf Jahren Geborgene Babys geschrieben hatte, plante ich diverse Nachfolgebücher. Ich sammelte Stoff, ordnerweise, ich schrieb Gliederungen, ich entwarf und verwarf. Ich hatte sogar das Cover von Geborgene Kinder schon in der Rohfassung fertig. Und kam nie zum Schreiben.

Weil ich ein kleines Kind hatte. Weil ich irgendwann umzog. Weil ich mir meinen kleinen Verlag ans Bein (bzw. den Schreibarm) gehängt hatte. Irgendwas ist ja immer.

In Wirklichkeit hatte ich vermutlich einfach nur Angst vor dem nächsten Buch.
Geborgene Babys ist für ein selbst verlegtes Buch ohne jegliches Werbebudget geradezu irrsinnig gut gelaufen. Was, wenn das zweite dagegen schwächelt?

Das Gute ist: wenn sie wichtig sind, gehen Gedanken ja nicht verloren.

Vieles von dem, was für Geborgene Kinder angedacht war, hat jetzt in Slow Family Eingang gefunden.

Weil ich also das zweite Buch längst geschrieben habe, dachte ich, ich würde nun verschont bleiben von der klassischen Angst vor dem Zweiten.
Nach Dunkle Wolken (AT), meinem erstgeborenen Roman, dachte ich, ich würde nie, nie wieder meine Figuren so lieben können wie ich Elin und Nicholas geliebt habe. Nie wieder würden sie bei mir auf dem Sofa sitzen und mit mir Tee trinken.

Und dann tauchten Lia, Malin, Finn und Silvan auf, und der Einstieg in den zweiten Roman war plötzlich gar nicht mehr schwierig. Vielleicht, weil ich gerade eine Praktikantin hatte, als wir uns kennenlernten, die alle vier von ihrem ersten virtuellen Atemzug an so liebte, als wären es ihre eigenen Geschöpfe.
Und je mehr wir einander kennenlernten, desto mehr hingen sie auch mal bei mir in der Küche ab und erzählten mir von ihrem Tag. Aber auch unter dieses Buch habe ich inzwischen ENDE geschrieben.

Und jetzt, beim dritten, hab ich Angst.
Nackte, doofe Angst.
Was, wenn mir bei Leo niemand mehr sagt “Wie? Das ist dein erster Roman?”
Was, wenn Leo gegenüber Dunkle Wolken schwächelt?
Was ist, wenn Leo einfach ein blödes Buch wird?
Dann wird es halt blöd. So what?
Es wäre nicht das erste blöde Buch, das je geschrieben wurde. Dann muss ich eben überarbeiten, bis es gut wird. Oder es eine Weile liegen lassen und dann überarbeiten, bis es gut wird.

Aber was ist, wenn ich es gut finde und meine Lektorin es gut findet und die Testleser auch – und Ihr es dann aber für das bescheuertste Buch unter der Sonne haltet?
Ganz ehrlich, das wäre zwar unschön, aber auch das würde mich ja nicht an Leib und Leben bedrohen. Ich würde es nicht mal merken, wenn Ihr mir nicht gerade einen Stern bei Amazon reindrückt oder mir wütende Mails schreibt.
Es gibt schließlich auch Bücher, die ich für die bescheuertsten Bücher unter der Sonne halte, und die Autoren merken da nicht mal was davon.
Es gibt sachlich überhaupt gar keinen Grund für Angst.

Ich mache jetzt mal einen Zeitplan.
Davor fürchtet sich die Angst dann gleich selbst so sehr, dass sie verschwindet, und Leo und ich können loslegen, sobald hier noch der eine oder andere wartende Kleinkram abgearbeitet ist.

(Bild von: http://latoshalove.blogspot.hr)

Das Exposé lügt nie

Politiker lügen.
Die Werbung lügt.
Aber das Exposé lügt nie. Ehrlich.

Ein Exposé ist im Autorenleben ein kurzer Text, der dem Verlag oder der Agentur auf drei bis vier Seiten das Projekt vorstellt. Als ich mein erstes Roman-Exposé schreiben musste, stand in dem Ganzen einigermaßen ratlos gegenüber.
Dabei ist es eigentlich recht einfach – und sehr nützlich.

Im Exposé steht, um was für ein Buch es sich handelt und ggf., wer die Zielgruppe ist (Thriller? Frauenroman? Jugendbuch? Ab 12? Ab 14?). Außerdem erfährt der Verlag, wie lang das Buch wird und wann es vom Autor aus fertiggestellt werden kann (wenn das noch nicht geschehen ist).

Und dann natürlich – das Wichtigste – die Inhaltsangabe und in der Regel ein kurzer Pitch, eine Art Klappentext für das Buch.

Für viele Autoren ist das Schreiben von Exposés eine eher lästige Pflicht. Wir wollen schließlich einfach unsere Geschichte erzählen.

Aber das wirklich Coole am Exposé ist, dass geübte Autoren, Lektoren, Agenten* schon am Exposé sehen, wo die Geschichte möglicherweise hakt**.
Wo das Exposé schwammig ist, bleibt in der Regel die Geschichte unklar und schwach.

Im Exposé erkennen Profis außerdem, welche Figuren noch keine klaren Motive haben und welche Figuren und Szenen überflüssigen Ballast darstellen und dadurch die Geschichte verwässern.
Das Exposé lügt nie, sagt meine Freundin Jennifer dazu.

Bei diesem Buch zwingen mich keine äußeren Umstände dazu, ein Exposé zu schreiben. Es gibt keinen Verlag, dem ich das Projekt vorhabe zu verkaufen. (Wie gesagt: Es sei denn, einer reißt es mir sowas von begeistert aus der Hand, dass ich gar nicht anders kann, als es herzugeben.)
Aber wenn ich das hier ernst nehmen will, muss ich es genauso professionell angehen, als würde ich ein Buch für einen Verlag planen.

Ich habe also für Leo ein Exposé geschrieben. (Was ich euch natürlich nicht zeigen kann, das wäre ja Spielverderberei.) Ob die Geschichte sich dann doch beim Schreiben anders entwickelt, sei dahingestellt, das passiert auch sonst mal. Vielleicht passt das Ende nicht (der gemeine Gegenspieler soll doch lieber auswandern als unters Auto kommen) oder im Laufe der Geschichte taucht plötzlich ein Charakter auf, mit dem man vorher nicht gerechnet hat.

Aber ein paar Eckdaten kann ich euch durchaus zeigen.

Arbeitstitel
Arbeitstitel gibt es derzeit keinen vernünftigen (den ich öffentlich schon diskutieren würde), für mich selbst nenne ich das Buch „Leo“ oder „die Leo-Geschichte“.
Wenn meine Agentin den Verlagen ein Buch anbietet, bekommt es einen Titel. Dieser heißt deswegen „Arbeitstitel“, weil er so gut wie nie übernommen wird. Marketing-Abteilung, Buchhandelsvertreter, Lektorat – in großen Verlagen brainstormen viele Menschen über den perfekten Titel.
Bei Leo muss ich das beizeiten selbst mit Kolleginnen – und vielleicht auch mit euch – tun.
Hat den großen Vorteil, dass ich selbst das letzte Wort haben werde.
Hat den großen Nachteil, dass dieses letzte Wort falsch sein kann und niemand anders verantwortlich sein wird als ich.

Genre
Dann kommt bei meinen Exposés in der Regel das Genre. In diesem Fall ist es ein realistisches Jugendbuch.
Beim Verlag wäre es ab 14. Nicht, weil ich glaube, dass es ab 14 geeignet ist, sondern weil es nur noch wenige Verlage in Deutschland gibt, die Bücher für „junge Erwachsene“ machen: Young Adult, zum Teil auch “Junge Leser” genannt.
Wenn es nach mir ginge, wäre Leo ab 16.
Moment mal… Es geht nach mir! Ich bin meine Marketingabteilung.
Also. Realistisches Jugendbuch. Young Adult.

Umfang
Und dann muss noch rein, wie lang das Buch werden soll. Ich peile mal 300 Seiten an. Das ist für die Handlung, die mir vorschwebt, ganz realistisch, ohne dass es schwafelig oder zu gehetzt wird. Die Erfahrung zeigt, dass ich im ersten Durchlauf bei schwierigen Szenen schludere. Also lege ich auf die 300 nochmal 50 drauf, die beim Überarbeiten dazu kommen.

Fertigstellungstermin
Fertig soll das Buch im November sein.

Wird es, sofern ich nicht einen superdringenden anderen Schreibauftrag bekomme.
Muss es, weil ich mich ab November in der Regel zusammenrolle und über das schreckliche graue Novemberwetter heule. In meinem Zeitplan werde ich also von Ende November aus zurückrechnen, was wann dran ist.

Und Ihr könnt euch schonmal vormerken, dass Ihr im Oktober oder November über das Cover abstimmen dürft. Mit Gewinnspiel natürlich. 🙂

Kurztext
Leos Kurztext ist im Wesentlichen der, mit dem ich euch das Projekt ganz am Anfang vorgestellt habe. Und die Inhaltsangabe verrate ich natürlich nicht.

Susanne Pavlovic hat ein schönes Video zum Thema “Wie schreibe ich ein Exposé?” gedreht.

* nur für den Sprachrhythmus nutze ich die männliche Form. De facto sind es viel häufiger Autorinnen, Lektorinnen und Agentinnen, mit denen ich zu tun habe als die männlichen Pendants dazu

** Sachbuch-Exposés sind ein bisschen anders, hier geht es um fiktionale Texte

Das Huhn und das Ei

Was war zuerst?
Ist die Frage nach dem Huhn und dem Ei eigentlich abschließend beantwortet? Ich glaube, ja, oder?
Ich meine, ich hätte neulich irgendwo gelesen, dass erst das Ei da war – macht evolutionsbiologisch ja auch Sinn.

Aber wie ist es bei Romanen? Was ist da zuerst da? Die Figuren? Die Geschichte? Oder vielleicht nur eine Situation?
Oft ist es ein “Was wäre, wenn”. Was wäre, wenn – mein Sohn wartet immer noch darauf, dass ich dieses Buch endlich schreibe – wir den Mars kolonisiert hätten und sich dann herausstellte, dass es dort längst Leben gab? Was wäre, wenn niemand je sterben würde? Was wäre, wenn …

Geschichten können sich auch aus einer Situation heraus entfalten. Bei meinem Erstling war das so. “Start with a man at the end of a cliff”, hatte ich in einem Vortrag gehört, also tat ich das. Ich setzte einen Jungen an den Rand einer Klippe, und dann fragte ich mich, wie er dort hingekommen war, und daraus entwickelte sich die Geschichte.

Der Auslöser für den zweiten Roman war ein “Was wäre, wenn”. Ich hatte vor einiger Zeit die Bücher des Wildnislehrers Tom Brown gelesen, und ich fragte mich, wie es wohl wäre, wenn jemand, der so ganz anders aufgewachsen ist, plötzlich in eine normale norddeutsche Schule kommt. Natürlich schnörkelte die Geschichte sich dann auch woanders hin, aber das war der Anfang.

Und jetzt Leo.
Bei Leo war zuerst die Figur da, Leo, das nette, nachdenkliche, musisch begabte (und vielleicht auch ein bisschen langweilige) Mädchen. Und irgendwie kam mit ihr gleichzeitig die Geschichte: Leo trifft auf ihr genaues Gegenteil. Der Typ ist wenig nett, nicht besonders nachdenklich – aber auch ganz bestimmt nicht langweilig.
Diese Geschichte (nettes Mädchen trifft Badboy) wurde im Laufe der menschlichen Erinnerung vermutlich zehntausendmal und öfter erzählt, sie ist alles andere als neu.
Aber sie passiert auch einfach immer wieder. Leos Plot habe ich zusammengebaut aus vielen Geschichten aus dem echten Leben, die echte Mädchen genau so erlebt haben.

Das heißt, bei Leo ist eigentlich alles von Anfang an da. Inklusive der Figuren, die schon alles ausdiskutieren, bevor auch nur eine Seite geschrieben ist.
Derzeit ist es Leos beste Freundin, die mir in den Ohren liegt: “Janne finde ich nicht so schön. Ich würde gern Sina heißen.”
Ich sage: “Okay. Meinetwegen. Aber häng das bitte nicht an die große Glocke. Ich will jetzt echt nicht über jeden Pipifax diskutieren müssen, sonst kommen wir hier zu nix.” Sina also. Ziemlich nah an Kimo dran, finde ich. Vielleicht kann ich da nochmal mit ihr drüber reden.

Plot 101
Weil ich bei Leo ja die Geschichte und die Figuren im Wesentlichen im Kopf habe, sollte es auch kein Problem sein, alles auf die Plotwand zu bringen. Die sieht bei mir so aus:

plot4Oben kleben derzeit noch die Post-its der letzten Geschichte, einfach, weil es fürs Foto wichtiger aussah.
Die Plotwand ist aufgeteilt in Akt I, Akt II und Akt III mit den entsprechenden Wendepunkten dazwischen. Ich nehme mir als ersten Arbeitsschritt jetzt einfach bunte Post-its und klebe die Szenen, die ich von der Geschichte kenne, auf die Plotwand:
Leo zieht in die große Stadt – zack, ganz an den Anfang.
Wenn mir noch was einfällt, was davor muss, kann ich ja umkleben.
Leo trifft den LI (Love Interest) – auch irgendwo an den Anfang, klar.
Leo entdeckt etwas Entscheidendes – Wendepunkt I
Und so weiter.

Das ist im Prinzip alles, was ich am Anfang für den Plot brauche. Ich weiß von Kollegen, die 80-seitige Inhaltsangaben schreiben, aber ich mag es gern, beim Schreiben ab und zu überrascht zu werden. Auch wenn es anstrengend sein kann, die Figuren dann wieder auf den “richtigen Pfad” zu führen und daran zu erinnern, dass sie sich doch bitte jetzt mal langsam küssen sollten.
Ich schätze, das wird bei dieser Geschichte mit diesen von Anfang an renitenten Figuren ganz besonders interessant.

Übrigens: Leo hat einen ersten Satz!

Sie mischen sich jetzt schon ein!

Es geht jetzt schon los!
Dass Charaktere mit mir diskutieren, wie eine Geschichte zu laufen hat, kommt vor. Das kennt jeder Autor, jede Autorin. Auf einmal weigert sich eine Figur, in eine Falle zu gehen, die man so sorgsam aufgebaut oder den Typ zu küssen, den man so wunderbar liebenswert angelegt hat. Kommt vor.

Aber dass das schon losgeht, bevor die Geschichte auch nur geplottet ist, ist mir noch nicht passiert.
Gestern – ich sagte ja, mein Gehirn arbeitet auch am Wochenende an sowas weiter, während ich Honig schleudere oder mit dem Hund gehe oder Wäsche aufhänge – gestern also dachte ich über die Figurenkonstellation und die Namen in meinem neuen Buch nach.
Leo hat selbstverständlich eine beste Freundin. Heldinnen brauchen beste Freundinnen. Diese beste Freundin hat einen netten Freund, Timo.
Dachte ich.
Bis er sich in den Türrahmen zum Wohnzimmer lehnte (ich hängte gerade die Wäsche auf), die Arme verschränkte und sagte: “Du hast das falsch verstanden. Ich heiße nicht Timo. Ich heiße Kimo. Mit K. Und ich bin auch nicht Jannes Freund.”
Ich atmete tief durch, schlug das Geschirrtuch glatt und fragte, was er denn wohl so vorhabe in der Geschichte.

Er war sehr klar in seinen Forderungen.
Ich muss darüber nachdenken.
Wenn ich ihm das gebe, was er will, wäre das ungefähr so, als würde ich … als würde ich dem kleinsten Weihnachtsengelchen aus der hintersten Reihe versprechen, dass es dieses Jahr die Geschenke verteilen darf. Für Timo – sorry, Kimo. Mit K. – waren bisher in meinem Kopf so ungefähr zwei Auftritte angedacht. Mit insgesamt vielleicht zwanzig Wörtern.

Na, das kann ja heiter werden. Wenn die jetzt schon als Figuren-Babys eigene Wege gehen wollen, dann prost Mahlzeit.

Dabei ist der Plan eigentlich ein anderer. Normalerweise fange ich langsam an, Figuren kennenzulernen. Mit ein bisschen hilflosem Gekritzel mit vielen Fragezeichen, das ungefähr so aussieht:

figuren1
Dann schreibe ich etwa 100 Seiten, die für die Tonne sind, weil ich die Figuren noch nicht richtig kenne.
Und dann kann es losgehen.
Bis sie mit mir am Küchentisch sitzen und Kaffee trinken, dauert es in der Regel sehr lange. Und bis sie so real werden, dass ich meinen Mann ernsthaft bitte, meine Grüße auszurichten, wenn er nach Kalifornien fährt, weil Nicholas doch dort wohnt, dauert es noch länger.

Dass dieser Kimo jetzt hier rumhängt und jedes Wort kritisch beäugt, bevor ich auch nur einen einzigen Satz geschrieben habe, macht es schon interessant.

(Nächstes Mal schreibe ich den Post, den ich dieses Mal schreiben wollte, über Zeitpläne, Plotpläne, Figurenpläne und derlei mehr. Falls sich nicht wieder jemand vordrängelt.)

Es geht los

Auf meinem Schreibtisch ist derzeit durchaus noch kein Mangel an Projekten, die vor Leo da waren und die entsprechend auch vorher bearbeitet werden: die Überarbeitung eines anderen Romans (Oh Gott, diese Szene, wo sie sich küssen! Ich wünschte, Ihr könntet das schon lesen…), die Leseprobe für ein neues Sachbuch, das Lektorat für eine Freundin, und dann noch der Papierkram, der sich immer so ansammelt.

Aber das heißt nicht, dass Leo warten muss, denn zum Glück habe ich mein Gehirn.
Bevor ich mich in eine Geschichte wirklich vertiefe, lasse ich es immer gern schonmal das Grobe erledigen.

tatze

Ich gehöre zu den Leuten, die gehen müssen, um zu denken, und mein Lieblingshund erinnert mich immer wieder freundlich daran, das zu tun… Während wir also gehen, lasse ich mir Leos Geschichte durch den Kopf wandern, überlege hier, zuppele dort ein bisschen… Und sobald ich nach Hause komme, schnappe ich mir meinen Rechner oder mein Notizbuch (manchmal nehme ich es auch tatsächlich mit) und schreibe alles unsortiert auf, inklusive ungelöster Fragen und kluger Zwischenrufe meines Hirns. Das sieht dann ungefähr so aus wie auf dem Bild oben, und es ist ein ziemlich sozial unverträgliches Unterfangen. (“Warte, ich kann gerade nicht, ich muss eben was aufschreiben.”)

In Leos Fall umfasst dieses grobe Gerüst im Augenblick drei Normseiten. Es dient meinem Gehirn dazu, sich weiter daran entlangzuhangeln, zu arbeiten und zu strukturieren, während ich andere Dinge tue. Und wenn wir uns das nächste Mal zusammensetzen, präsentiert es mir die Ergebnisse – und die Fragen, die es noch hat.
Sowas wie: Was ist eigentlich Leos Ziel? Wie hört das Buch überhaupt auf? Findest du den Schluss, wie er derzeit angedacht ist, wirklich befriedigend? Und diese saucoole Szene mit dem Gerüst, passiert die vor oder nach dem Midpoint? Und, mal echt, diese eine sowas von gar nicht jugendfreie Szene – hättest du sowas mit 14 lesen wollen?
Mein Gehirn diskutiert solche Fragen wirklich sehr angeregt mit mir, und ich freue mich schon auf unser erstes offizielles Meeting, sobald ich mit den anderen Aufgaben durch bin.